1. Skip to Menu
  2. Skip to Content
  3. Skip to Footer

Mittelalterliches Weben in Fürth

Befunde und zugehörige Fundstücke, die 1999 auf dem Anwesen Kreuzstraße 2 aufgedeckt wurden, lassen den Schluß zu, daß im 11. Jahrhundert in Fürth Webstoffe hergestellt worden sind. Die damalige Technik und ihre Hilfsmittel wird hier detalliert beschrieben. Wir beschränken uns auf die Wollverarbeitung, da sich aufgrund von Tierknochenfunden das Schaf nachweisen läßt, während es für Flachs- und Hanfanbau zur Leinenherstellung keine Hinweise gibt.

Vom Vlies zum Faden

Bevor Rohwolle verarbeitet werden konnte, mußte sie gereinigt werden. Man half sich dadurch, indem man entweder einige Tage vor der Schafschur die Tiere in ein fließendes Gewässer trieb, oder nach der Schur die Wolle kalt und ohne Waschmittelzusatz gewaschen hat. Dabei war darauf zu achten, daß das Wollfett Lanolin als Wetterschutz erhalten blieb. Nach dem Trocknen wurde das Vlies mit der Hand gezupft, daß letzte Unreinheiten wie z. B. Stroh entfernt werden konnten. Danach wurde die Rohwolle mit Karden - das sind drahtbürstenartige Geräte - gekämmt, um den Wollfasern die gleiche Richtung zu geben. Nun konnte die vorbereitete Wolle versponnen werden.

Seit der Jungsteinzeit wurde mit der freihängenden Handspindel gesponnen. Es handelt sich um einen Holzstab mit einem Gewicht als Schwungmasse, dem Wirtel aus Ton, Stein oder einem anderen Material. In Fürth wurde dieses Gerät zwar noch nicht gefunden, dafür ist uns ein Spinnwirtel aus Weikershof bekannt. Aus dem in einer Docke gefaßten Vlies wurde etwas Wolle herausgezupft, zu einem Vorfaden verdreht und so an der Spindel angebracht, daß sich die Wollfasern zu einem Faden verdrehten, wenn man die Spindel in Rotation versetzte. Dabei mußte aus der Docke immer etwas Wolle nachgezupft werden. War der Faden lang genug und die Spindel hatte den Boden erreicht, mußte der Faden aufgewickelt und der ganze Vorgang wiederholt werden.

Das Färben der Wolle

Wenn die Wolle versponnen war, wurde sie auf die verschiedenste Art mit Pflanzen-farbstoffen gefärbt. Zu unterscheiden war, ob der Farbstoff mit der Faser eine feste Verbindung eingehen sollte oder in Form einer Beize nur aufgetragen wurde. Obwohl dieser Prozeß in die Textilherstellung fest integriert war, ist er für Fürth zur Zeit noch nicht nachweisbar. Erst nach dem 30-jährigen Krieg war im untersten Haus des Schulrattelshofes an der Rednitz die Familie des Schwarz- und Schönfärbers Höfler ansässig, wodurch deutlich wird, daß zu diesem Zeitpunkt das Färben nicht mehr in Eigenarbeit ausgeübt wurde.

Der Gewichtswebstuhl

Zu den ältesten Webstuhlarten gehört neben dem festen Webrahmen, in den die Kettfäden eingespannt waren, der Gewichtswebstuhl. Die wesentlichen Bestandteile sind zwei parallel schräg an eine Wand gestellte Seitenstützen, die oben in einer Gabel den horizontal liegenden Waren- oder Tuchbaum aufnehmen. Daran sind die Kettfäden befestigt, die ihre Spannung dadurch erhalten, indem sie unten bündelweise zusammengenommen mit einem Gewicht beschwert werden. Um mit dem Schußfaden eine einfache Tuchbindung weben zu können, wurden zwischen die Kettfäden ein Trennstab und ein sogenannter Litzenstab eingefädelt, daß in zwei Ebenen die geraden und ungeraden Kettfäden getrennt am Tuchbaum herunter hingen. Mit Hilfe des Litzenstabes ließen sich die Kettfäden, die mit ihm verbunden waren, anheben oder absenken. Der Schußfaden wurde mit Hilfe eines Brettchens, dem sogenannten Webschwert, an das fertige Gewebe angeklopft.

Die in der Kreuzstraße gefundenen Webgewichte und die zugehörigen Keramikreste zeugen von dem Gebrauch eines Gewichtswebstuhles im 11. Jahr-hundert. Da in dieser Zeit schon der horizontal arbeitende Trittwebstuhl allgemein verbreitet war, auf dem viel schneller gewebt werden konnte, die Webbreite dagegen eingeschränkt war, hatte der Gewichtswebstuhl wohl nur noch als Spezialgerät für breite Tuche eine Bedeutung. Damit stellt sich für uns die Frage, ob wir mit den Funden der Kreuzstraße eine besonders altertümliche Ausstattung oder ein Spezialgerät aufgedeckt haben.