Untersuchungen am alten Ortsfriedhof St. Michael

Aus AG Archäologie Fürth
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Erschienen im Altstadtbläddla 43 (2009/2010) von Thomas Werner (überarbeitete Fassung)

Die Lage des ersten Ortsfriedhofes in Fürth ist heute von sich aus kaum mehr erschließbar, da nur noch durch einige Grabplatten an der Außenmauer der Michaelskirche und eine Schautafel auf diesen Friedhof hingewiesen wird. Zwei Abbildungen des Graphikers Johann Alexander Boehner von 1705 lassen aber sehr deutlich die Anlage erkennen, wobei der Bereich nördlich der Kirche recht spärlich belegt zu sein scheint. Im Jahr 1771 hat sich diese Situation aber völlig verändert und Fronmüller schreibt in seiner Chronik, indem er sich auf das Tagebuch von Andreas Gruber bezieht: „Die Gemeinde hat den Kirchhoff hinten mit Sandt überführen laßen dem Schulmeister und Mößner auch sogar dem Pfarrer ihre Gärtlein einhauen laßen, um besser Plaz zur Begräbtniß der Todten (zu haben)“. 1780 konnte der Friedhof nach Norden abermals erweitert werden, weil die heute noch sichtbare Mauer an der Unteren Fischerstraße errichtet worden war. Ab 1797 wurde die Schließung des Friedhofes wegen Platzmangels betrieben, im Juni 1811 fand die letzte Bestattung dort statt und 1812 hat man ihn eingeebnet. Obendrein hat man am 16. November dieses Jahres die Heilig-Grab-Kapelle abtragen lassen, um zu verhindern, dass sie zu einem „katholischen Bethause“ umgewandelt wird, was das entschiedene Missfallen König Maximilians I. von Bayern hervorrief.

Geophysikalische Prospektion

Soviel zu den historischen Grunddaten des Friedhofs. Schon im April 2004 hat die AG Archäologie den Versuch unternommen, zusammen mit dem Institut Tarasconi auf dem Friedhof eine geophysikalische Prospektion vorzunehmen, um eine Bestätigung der von Boehner vorgegebenen Grabausrichtungen zu erhalten sowie die Lage der abgetragenen Heilig-Grab-Kapelle zu ergründen. Diese Untersuchung war nicht sehr ergiebig, da in den verdächtigen Bereichen zu viele Störungen vorgefunden wurden.

Archäologischen Untersuchungen

Erst als im August dieses Jahres vor der Grundschule am Kirchenplatz das Pflaster geöffnet wurde, um neue Versorgungsleitungen zu verlegen, ergab sich die einmalig Gelegenheit, Überreste aus dem alten Ortsfriedhof zu erschließen und zu dokumentieren. Die ersten Erkundungen der AG Archäologie am 10. August machten deutlich, dass in den geöffneten Bereichen die Belegung zum Teil noch völlig ungestört war, dass eine Einschaltung des Landesamtes für Bodendenkmalpflege notwendig wurde, weil eine baubegleitende Dokumentation aus zeitlichen Gründen ehrenamtlich hier nicht mehr zu leisten war. Zwei freiberuflich tätige Archäologinnen aus Bamberg übernahmen deshalb die Freilegung und Dokumentation der Bestattungen und fanden einige interessante Aspekt zur örtlichen Volkskunde und medizinischen Versorgung heraus.

Erste Ergebnisse

Abb. 1 St. Michael-Friedhof Bestattung
Abb. 2 Rekonstruierte Totenkrone

Die Freilegung der Bestattungen wurde von dem glücklichen Umstand begleitet, dass die Ausrichtung des Versorgungsgrabens in fast ost-westlicher Richtung verlief und dadurch einige Gräber in ihrer vollständigen Länge erfasst werden konnten. Diese Ausrichtung lässt gleichzeitig auch die christliche Gesinnung der Bestatteten erkennen, lag doch der Schädel immer im Westen mit gehobenen Nacken, dass der imaginäre Blick nach Osten, symbolisch für die Richtung ins Heilige Land, gegeben war (Abb. 1). Die dunklen Bodenverfärbungen im helleren Sand sind Anzeichen für die Nähe der benachbarten Grabgrube, dass die Dichte der Friedhofsbelegung an dieser Stelle nachgewiesen ist. In einem Fall sind zwei Skelette unmittelbar übereinander liegend aufgefunden worden. An Beigaben sind zu nennen ein Fingerring, eine Perle, eine Metallknopf und wohl auch Reste von Gürtelschnallen aus Buntmetall, die sich in Form von einer intensiven Grünfärbung im Becken- und Oberschenkelbereich bemerkbar machten. Für die örtliche Volkskunde sind die Auffindung von zwei vollständig erhaltenen, evtl. den Resten einer dritten Totenkrone interessant, weil die AG schon 1996 beim Umbau des Löhe-Hauses Kirchenplatz 2 (Grabungsbericht) zum Kindergarten Relikte dieser Bestattungssitte auf diesem Friedhof entdeckt hatte (siehe Altstadtbläddla Nr. 33, S. 19 f.) und nun nach der Restaurierung ein vollständig erhaltenes Exemplar überliefert ist. Eine Rekonstruktion aus den Originalteilen von 1996 wird im künftigen Stadtmuseum Ludwig Erhard zu sehen sein (Abb. 2). Wann ein vollständiges Original aus der diesjährigen Untersuchung nach Fürth ins Museum kommt, steht noch aus. Der Brauch, die Verstorbene mit einer Totenkrone zu schmücken, entstammt der Sitte, dem unverheirateten Mädchen als Ersatz für die Brautkrone eine Totenkrone aufzusetzen. Vielleicht wäre es ja doch mal interessant, diesem Brauchtum des 17./18. Jahrhunderts in Fürth ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken.


Abb. 3 St. Michael-Friedhof Mutter mit Kind

Ein anderer Befund lässt auf eine ganz besondere Tragödie schließen. Es handelt sich um die Auffindung einer wohl noch jungen Frau, in deren Armen die Überreste eines Säuglings entdeckt wurden (Abb 3). Offensichtlich war die Frau im Kindbett gestorben und mit ihrem Neugeborenen zusammen beigesetzt worden. Leider war der Kopf durch die Baggerarbeiten bereits abgeräumt, der Rest des Skeletts konnte aber vollständig freigelegt werden. Als besondere Beobachtung war festzustellen, dass die Beckenknochen im unteren Bereich übereinander verschoben aufgedeckt wurden, was auf einen ungewöhnlichen chirurgischen Eingriff während der Geburt schließen lässt, den die Frau und ihr Kind nicht überlebt haben dürften.


Im weiteren Verlauf der Grabung konnte auch ein kleiner Abschnitt der einstigen Friedhofmauer über dem Nordhang zur Pegnitz freigelegt werden wie sie auf mehreren Stichen zu sehen ist. So zeigt sich wieder einmal, dass die geöffneten Flächen im Boden der Altstadt ziemlich klein sind, die Information aber, die in ihnen verborgen liegen, recht groß.